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Die Marktwirtschaft muss sozial werden

Der als Begründer oder Vater der Marktwirtschaft geltende Adam Smith ist wohl teilweise missverstanden oder bewusst fehlinterpretiert worden. In seiner "Theorie der ethischen Gefühle" beschreibt er neben der Sozialpflichtigkeit die moralischen Grenzen eines fairen und anständigen Umgangs miteinander. Dies wird bei der Berufung auf seine spätere Theorie einer freien Marktwirtschaft weitgehend unterschlagen. Konkurrenz kann negativ sein, wenn wir untereinander nicht helfen, sondern schaden wollen. Die Mär vom Egoismus, der letztlich allen hilft, ist ganz offensichtlich falsch. Nur die Kooperation hilft allen.


Kinderarbeit und Sklaverei war auch für den Vater der Ökonomie als freier Markt kaum vorstellbar. Er war kein gefühlloser Prediger. Er suchte vielmehr nach Werten. Nicht der freie Markt war das Entscheidende, sondern die staatlich festzulegenden, fairen Rahmenbedingungen. Dies unterblieb weitgehend bis heute.


Aber auch die sozialistische Planwirtschaft ist keine Lösung. Planwirtschaft heißt Unterdrückung des individuellen Antriebs und der Kreativität des Einzelnen. Staatskapitalismus kombiniert dann die Unterdrückung des Einzelnen mit den negativen sozialen Wirkungen der kapitalistischen Wirtschaftsform.


Papst Franziskus übt in scharfer Form Kritik an den Auswüchsen der globalen Wirtschaftsordnung. Er sieht sie als Ursache für eine zunehmende Ungerechtigkeit und soziale Unruhen. Der Papst hat recht! Der Rahmen und die Anreize in der Wirtschaft sind derzeit völlig falsch gesetzt.


Der Ressourcenverbrauch und die Umweltzerstörung setzen für einen nachhaltigen Wirtschaftsprozess natürliche Wachstumsgrenzen, die in der gegenwärtigen, ausschließlich auf Wachstum orientierten Wirtschaftsordnung nicht vorgesehen sind. Das Ergebnis sind existenzielle, kriegerische Verteilungskämpfe, die allen nur ein begrenztes Überleben sichern können und Ursache für Umweltzerstörung, Ressourcenverschwendung, Armut und Massenelend sind. Sehr deutlich wird der Papst in seiner 2015 veröffentlichten Enzyklika zum Umweltschutz. Er sieht durch den gegenwärtigen Lebensstil die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass dies nur in Katastrophen enden kann.


Die soziale Verelendung macht auch vor Industriegesellschaften nicht halt, die den wachstumsgläubigen Massen eine permanente Steigerung ihres Wohlstandes versprochen haben. Selbst die wohlhabenden Schichten bemerken zunehmend, dass Glück und Zufriedenheit nicht mit Wachstum und Reichtum gleichzusetzen sind. Auch die sozialistischen Volkswirtschaften haben nicht das Gemeinwohl als Ziel, sondern die Optimierung der eigenen Machtbasis. Als größte Gefahr wird ein Aufbegehren der Masse angesehen.


Durch die Konkurrenz der Systeme und die wachsende Verschuldung der öffentlichen Haushalte entsteht ein Zwang zum Abbau von Sozialleistungen, zum Personalabbau und zur Investitionskürzung. Die durch solche undemokratischen Sachzwänge verursachten krisenhaften Entwicklungen sind ohne grundlegende Reformen der Finanz-, Wirtschafts- und Sozialordnung nicht mehr beherrschbar.


Derzeit verweisen Exportnationen immer stolz auf ihre Handelsbilanzüberschüsse und die daraus resultierende zusätzliche Beschäftigung in Folge zusätzlichen Wachstums. Diese bisher als Vorteile geltenden Wirkungen sind aus nationaler Sicht in Wahrheit negativ. Permanente Exportüberschüsse bedeuten nichts anderes als Produktion für andere Nationen, zumeist ohne volkswirtschaftlichen Wertausgleich.


Dies ist in der Regel keine positive Entwicklung. Der Ausgleich erfolgt in der Theorie aus Devisenreserven. Den Ländern mit Exportüberschüssen stehen jedoch solche mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe in der Regel über Schulden finanzieren müssen. Diese führen dann zu Zinsbelastungen, die das Importland weiter schwächen. Auch Geldtransfers, mit denen z. B. Beteiligungen oder Land erworben werden, sind möglich, um die Kapitalbilanz auszugleichen. Zu Ende gedacht entstehen krisenhafte Ungleichgewichte, die letztlich allen Schaden.


Umschuldungsabkommen werden von der Erfüllung strenger wirtschafts- und finanzpolitischer Auflagen abhängig gemacht. Hierzu gehören auch finanzielle Hilfen in Form von Krediten des Internationalen Währungsfonds (IWF) oder ähnliche internationale Unterstützungen. Ganze Volkswirtschaften verlieren so auf der Grundlage verwaltungsinterner Entscheidungsprozesse für die Zukunft weitgehend ihr Selbstbestimmungsrecht. Hierfür können selbst in Europa Griechenland und Zypern als Beispiel dienen. Der Euro-Rettungsschirm setzt die "Troika" aus IWF, EZB und EU-Kommission bei Inanspruchnahme in den Stand autokratischer Vollmachten.


Auf der anderen Seite werden heute durch Spekulation höhere Werte vernichtet bzw. geschaffen, als das Bruttosozialprodukt ganzer Volkswirtschaften. Durch Spekulanten können die Volkswirtschaften in künstlich erzeugte Krisen gestürzt werden, die sie nicht aus eigener Kraft bewältigen können.


Auch durch Steuervermeidung der internationalen Konzerne wird die Demokratie gefährdet. Reiche und Konzerne nutzen legale und illegale Schlupflöcher. Sie gestalten die Steuersparmodelle so, dass die nationalen Finanzbeamten sie kaum durchschauen können. Große US-Konzerne schwimmen im Geld und horten es im Ausland, um Steuern zu sparen. Anstatt es sinnvoll zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen, werden im Ausland Konkurrenzunternehmen aufgekauft. Der normale Steuerzahler hingegen muss in ganz Europa marode Banken und Staaten durch Garantien für neue Schulden stützen. Die Verflechtungen der globalen Wirtschaft haben also nicht nur positive Einflüsse. Insbesondere wenn die Wirtschaftssysteme nicht gleichartig sind, wie Kapitalismus und Sozialismus kann nur sehr schwer eine kooperative Basis gefunden werden. Fehlentwicklungen sind in diesen Fällen vorprogrammiert.


Probleme können nur vermieden werden, wenn die humanen Grundwerte der Gesellschaft auch für die Wirtschaft volle Gültigkeit erlangen. In der Wirtschaft dürfen negative Einflüsse nicht länger als selbstverständliche Anreize oder notwendiges Übel gelten. Insoweit bedeutet sozialer Wandel auch Besinnung auf Moral, Freiheit und Gerechtigkeit oder Kooperation und Gemeinwohl. Eine am Gemeinwohl orientierte Versorgungswirtschaft sollte ergänzt werden durch eine Marktwirtschaft, die das Gemeinwohl nicht gefährden darf.


Eine Neuorientierung muss neben moralischen und demokratischen Grundsätzen auch eine transparente Klarheit in den Lebensumständen berücksichtigen. Ohne Transparenz ist eine konstruktive Teilhabe an der Gemeinschaft nicht möglich. Wenn etwas nicht mehr verständlich oder zu stark zentralisiert ist, dann kann es nicht erfahren und kontrolliert werden. Das Internet und die technische Entwicklung wird möglicherweise selbst für die notwendige Veränderung sorgen. Der bekannte Autor und Politikberater aus den USA, Jeremy Rifkin, sagt den Untergang des Kapitalismus voraus und sieht die Zukunft im Teilen und Tauschen sowie in kooperativer Zusammenarbeit.


Die Wirtschaft muss wachsen? Darüber herrscht erstaunlicherweise bei den politisch Verantwortlichen weltweit Einigkeit. Ohne Wirtschaftswachstum würde die Arbeitslosigkeit steigen. Die Sozialkassen würden kollabieren. Die Schulden könnten nicht mehr zurückgezahlt werden. Argumente, die nur bei oberflächlicher Betrachtung überzeugen können.


Unser Wohlstandsmodell basiert auf Wachstum und weltweite, arbeitsteilige Fremdversorgung. Die globalen Krisen zeigen, welche Grenzen und Gefahren dieses Modell bedrohen. Während die Wirtschaft ohne Ende wächst, wächst aber auch die Umweltbelastung, nehmen Klimawandel und Stresserkrankungen zu. Der Planet Erde mit seinen Ressourcen wird hingegen nicht größer.


Die Folgen des Wachstums können vor allem in China in Augenschein genommen werden. Dort bleibt den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes die Luft weg. Die Feinstaubbelastung tötet. Auch die Küstenregionen leiden zunehmend. Die Landbevölkerung wird in Megastädte umgesiedelt, um der zügellos wachsenden Industrie Arbeitskräfte zuzuführen. Wir stecken in einem vermeintlichen Dilemma. Die Wirtschaft muss wachsen, um unseren Lebensstandard zu sichern. Aber indem sie das tut, zerstört sie unsere Lebensgrundlagen. Die Wirtschaft lässt sich jedoch anders organisieren, die Natur nicht.


Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter eines Wachstums, das die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Und immer noch nimmt alles weiter zu: die Weltbevölkerung, die globale Wirtschaftskraft, der Verbrauch an Rohstoffen, die Zahl der produzierten Güter. Jeder weiß, dass endloses Wachstum auf einem endlichen Planeten nicht möglich ist. Ohne Wachstum können unsere gesamten Wirtschafts-, Finanz- und Sozialsysteme aber nicht funktionieren. Wir haben uns vom Wachstum versklaven lassen. Diese Meinung wird von Reiner Klingholz in seinem Buch "Sklaven des Wachstums - die Geschichte einer Befreiung" vertreten. Eindringlich fordert Klingholz zum Umdenken auf: fort von der Sklaverei eines destruktiven Wachstumsoptimismus hin zu einer konstruktiven Akzeptanz des Schrumpfens.


Die Welt rückt immer näher an den Abgrund. Die Ressourcen sind bald erschöpft, die ökologische Katastrophe bereits Realität. Doch weil wir uns das nicht eingestehen wollen, beschwören wir weiterhin endloses Wachstum und beruhigen unser Gewissen mit nachhaltigem Konsum. Die Szenarien für die Zukunft zeigen eindringlich, dass wir in der Post-Wachstums-Gesellschaft das Ruder mit den Rezepten von einst nicht mehr herumreißen können.


Aber auch wirtschaftlich stößt das System zunehmend an seine Grenzen. Mit steigendem Sozialprodukt sinken die Wachstumsraten. Lediglich die USA hat sich in der Vergangenheit, von dieser Entwicklung zum Teil zulasten anderer Volkswirtschaften abkoppeln können. Diese mussten infolge der Vorrangstellung des US-Dollars als Weltleitwährung nachteilige Währungsparitäten auf den Rohstoffmärkten sowie den internationalen Finanzmärkten hinnehmen.


Staaten, Privatleute und Unternehmen machen Schulden und finanzieren damit Ausgaben. In der Folge sollen dann Unternehmen Gewinn machen. Staaten nehmen mehr Steuern ein und bedienen später die Kredite. So gibt es weniger Streit darüber, wie viel die Wohlhabenden den Armen abgeben müssen. Nun brechen aber die Verteilungskonflikte auf. Die Schulden aus der Vergangenheit wurden in die Zukunft verschoben. Diese Zukunft ist jetzt angebrochen.


Derzeit treibt nur noch die zweite Generation der Volkswirtschaften das weltweite Wachstum an: Staaten, die ihre Industrie gerade erst aufbauen. Allerdings scheint auch hier das Wachstum schneller als gedacht einzubrechen. Daneben werden die Grenzen des Wirtschaftswachstums vor allem durch Produktinnovationen, Unternehmenskonzentration sowie Konsumentenwerbung und damit verbundener Bedarfsweckung hinausgeschoben.


Durch zum Teil kurzlebige, unsinnige oder gar schädliche Produkte wird die Wirkung eines Strohfeuers erreicht. Hierdurch werden immer mehr und immer schneller wichtige Ressourcen verbraucht. Auch die notwendige Arbeitszeit wird so, trotz stetig steigender Produktivität, stabil gehalten. Bei Verzicht auf zweifelhafte oder gar schädliche Produkte könnte die Arbeitszeit ohne Einbußen bei der Lebensqualität drastisch reduziert werden. Stress kann abgebaut, Burn Out vermieden werden.


Die Menschheit befindet sich vermutlich bereits im Übergang zu einer neuen Wirtschaftsordnung hin zu einer kooperativen Zusammenarbeit. Nicht die Steigerung des Bruttosozialproduktes und der Unternehmensgewinne sollten der Wirtschaft als Ziele und Erfolgsmaßstäbe dienen, sondern das Wohl der Menschen. Lediglich in Bhutan wird nicht das Wachstum, sondern die Zufriedenheit gemessen und so das Bruttonationalglück bestimmt. Bhutan gilt im Westen zum Teil als Vorreiter einer alternativen Ökonomie.


Wir müssen innehalten und uns neu orientieren. Neue Kriterien bestimmen, an denen sich die Wirtschaft messen kann und die gleichzeitig dem Gemeinwohl dienen. Es gilt Nutzwerte zu bestimmen, die das Wohl jedes einzelnen Menschen und der Gemeinschaft steigern. Auch die finanzielle Rettung Griechenlands hätte nicht ausschließlich an monetären Zielen ausgerichtet werden dürfen.


Wachstum, mit all den negativen Auswirkungen, wird vor allem wegen unserem Finanzsystem benötigt. Ein zu geringes Wirtschaftswachstum ist die häufigste Ursache von Finanzierungsproblemen und Schuldenkrisen.


Den Klimawandel, den Ressourcenverbrauch und die Gefährdung der natürlichen Umwelt verdanken wir also unserem Finanzsystem. Kapital muss auf Grund des Zins- und Zinseszinseffektes wachsen. Wegen der konkurrierenden Wirtschaft, kann auf Dauer nur der Größte und Mächtigste überleben. Bei einer kooperativen Zusammenarbeit kann jedoch auf den Zins verzichtet werden. Die Hortung von Geld kann durch Steuergesetze unterbunden werden. Kredite können als rückzahlbare, zinslose Beteiligungen an Unternehmen, privaten oder öffentlichen Investitionen ausgestaltet sein.


Die globalen Probleme können durch weltweite Kooperation relativ rasch gelöst werden. Wenn alle Menschen an einem Strang ziehen, können keine Einzel- oder Machtinteressen der Lösung entgegenstehen. Viele Probleme sind auch erst durch nationale Egoismen oder Machtinteressen entstanden. Allein die Abkehr vom "Wachstumswahn" ist geeignet, eine Fülle von Problemen zu bewältigen. Das Streben nach immer mehr ist eine große Geißel der Menschheit. Hier ist auch die zentrale Ursache allen Übermaßes und aller Verschwendung zu suchen.


Was hingegen benötigt wird, ist eine nachhaltige Ausrichtung allen Handelns. Ausweitungen, Steigerungen oder Wachstum sind immer auf Nachhaltigkeit zu prüfen. Nur dann sind solche Entwicklungen sinnvoll und unschädlich. Auch das Wachstum der Erdbevölkerung ist diesem Postulat unterzuordnen. Unser Planet ist begrenzt. Diese Tatsache kann nicht geleugnet oder neutralisiert werden, sonst wird es früher oder später zu verlustreichen Verteilungskämpfen kommen.


Die Marktwirtschaft hat sich bewährt und sollte auch zukünftig als Messinstrument für Werte und Preise sowie für die Bestimmung der optimalen Effizienz dienen. Ein Produkt, eine Dienstleistung, eine Ressource oder eine Investition findet ihren Wert an einem Markt. Dieser Markt muss aber anderen Rahmenbedingungen und anderen Wertekriterien unterliegen als in der bisherigen kapitalistischen Marktwirtschaft. Der häufig gebrauchte Grundsatz aus der sogenannten sozialen Marktwirtschaft: "Eigentum verpflichtet", hat heute kaum noch Bedeutung.


Die Ökonomen gehen in der Theorie bisher immer von falschen Annahmen aus. Es gibt keine totale Transparenz oder Homogenität des Marktes. Der Markt ist in der Realität vielfältigen Einflüssen ausgesetzt, die von Profitinteressen gesteuert sind und seine Wirksamkeit in Frage stellen.


Entscheidende Aspekte sind zukünftig die Orientierung am Gemeinwohl, die Nachhaltigkeit, der Umweltschutz und der Nutzungsgrad (Effizienz) der Zielerreichung. Ein höherer Preis kann z. B. durch bessere Ausnutzung der Ressourcen zum Zuge kommen, weil eine bessere Sozialbilanz erzielt werden kann. Es zählt die Gesamtbilanz, das Gemeinwohl sowie die Effizienz der Erstellung von Produkten und Dienstleistungen.


Hierzu bedarf es einer völlig anderen, ausführlicheren Markttransparenz als bisher. Werbung darf nicht über den Nutzen der Produkte und die Umweltbelastungen hinwegtäuschen. Die Marktteilnehmer müssten zu sich, ihrem Produkt und dem Preis zusätzlich prüffähige Angaben zum Umweltschutz und zur Gemeinwohlwirkung in ihr Angebot aufnehmen.


Die Produktion oder auch der Besitz bestimmter umweltschädlicher Stoffe könnte international unter Strafe gestellt werden. Ein Verbot von Produkten kann aber nur mit einer konkreten Gefährdung gerechtfertigt werden. Die Gefährdung muss vor allem für Dritte ausgeschlossen sein. Öffentlichen "Fürsorgeterror" gilt es zu vermeiden.


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